Blick zu den Nachbarn - Langjähriger ARD-Korrespondent berichtete über Polen

Auf Einladung der Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Lüdinghausen, Nottuln und Senden sowie mit Unterstützung der NRW-Europa-Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren war in der letzten Woche der Journalist Reinhold Vetter in Nottuln zu Gast.

In der Alten Amtmannei sprach der langjährige Warschauer ARD-Korrespondent, 1994-2003 Korrespondent des „Handelsblattes“ in Warschau und Budapest, über das Verhältnis der Deutschen zu den Polen und umgekehrt.

Auch auf seine eigene Biografie kam der gefragte Experte für Zeitgeschichte, Politik und Wirtschaft in Ostmitteleuropa zu sprechen: Als er 1976 zum ersten Mal in Polen war, schlug dem Sozialdemokraten bei vielen Polen, die gegen ihren Staatssozialismus kämpften, wegen dieser politischen Orientierung noch blankes Unverständnis entgegen. Seit 1984 hat Vetter, der seit über 20 Jahren mit einer Polin verheiratet ist, aber nun schon eine Wohnung in Warschau, neben seinem Berliner Domizil, und fühlt sich dort ausgesprochen heimisch.

„Die Polen sind heute über Deutschland besser informiert als umgekehrt“, meint er. Und er erwähnt deutsche Klischeevorstellungen vom Nachbarvolk, die auch aus Unkenntnis so zählebig seien, Vorstellungen über die „polnische Wirtschaft“ etwa und Sterotype, wie sie immer mal wieder in Polen-Witzen begegneten.

Da sei es ein gutes Zeichen, dass eine deutsch-polnische Historikerkommission nach langjähriger Arbeit bald ein gemeinsames Geschichtsbuch für die Schulen diesseits und jenseits der Oder vorlegen könne, das eine von beiden Seiten verantwortete Deutung der wichtigen historischen Schnittstellen zwischen beiden Völkern vornimmt.

Vetter hat beobachtet, dass heute in Polen sogar das mit der Person der CDU-Poliktikerin Erika Steinbach verbundene Thema der Vertreibung von Deutschen sachorientierter angesprochen werden könne als noch vor zwei Jahren. Ja, es sei mittlerweile auch möglich, dort über den polnischen Antisemitismus und dergestalt motivierte Gewalttaten während des Krieges zu reden. Und die Polen hätten auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich ihre Beliebtheit in den jetzigen Westgebieten Weißrusslands und der Ukraine in Grenzen halte, weil ihre Vorfahren in dem ehemals polnischen Gebiet eine Herrenideologie gepflegt hätten.

Angesprochen auf die aktuelle Rolle der polnischen Kirche, gab sich Vetter überzeugt, dass deren Einfluss auf die polnische Jugend zurückgehe. Die Geistlichen reagierten geradezu hilflos auf die Herausforderungen der modernen Welt. Das Kreuz auf der Danziger Werft sei für die streikenden Arbeiter um Lech Walesa im Jahre 1980 zweifellos ein unübersehbares nationales Zeichen der Einheit der Solidarnosc-Bewegung gewesen. Im Frühjahr 2010, als es zur Erinnerung an den beim Flugzeugabsturz verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski vor dem Amtssitz des gerade gewählten Präsidenten Bronislaw Komorowski aufgestellt wurde, habe das Kreuz allerdings die Nation gespalten, weil es politisch instrumentalisiert wurde.

Heute leben zirka 400.000 Menschen mit polnischem Pass in Deutschland, hinzu kommen 300.000, die sich haben einbürgern lassen. Viele junge Polen, so der Referent, rechneten sich nicht mehr der „Polonia“ zu, der traditionellen Gemeinschaft der Polen im Ausland, sondern seien zunehmend an europäischen Zielen orientiert. Bei ihnen kämen nationalistische und gegen die misstrauisch beäugten Deutschen und Russen gerichtete Kampagnen wie die von Lech Kaczynski im Präsidentschaftswahlkampf von 2005 einfach nicht mehr an.          

Für Vetter bedeutet der Abschluss des deutsch-polnischen Grenzvertrages von 1990 – eine Voraussetzung der deutschen Einheit – die entscheidende Zäsur im deutsch-polnischen Verhältnis. Erst ab dann hätten sich die Polen in den alten deutschen Ostgebieten sicher gefühlt, dass sie deutschen Rückkehrern nicht wieder weichen müssten.

Reinhold Vetter konnte sein vielköpfiges Publikum durch seine fundierten Analysen und detailreichen Informationen in den Bann ziehen und verhielt sich auch in der lebhaften Diskussion sehr auskunftsfreudig. Er rief dazu auf, den Polen ohne Ressentiments und auf Augenhöhe zu begegnen. Dann werde man schnell merken, dass sie ganz normale Zeitgenossen seien, sympathisch oder unsympathisch, mit Stärken und Schwächen wie die Deutschen auch.